Liebe I
Es gibt keine genaue Definition für "Liebe". Insgesamt ist es wahrscheinlich auch besser so, denn diese Individualität ist es im Prinzip ja gerade, die uns Menschen ausmacht.
Das ändert natürlich nichts an der Tatsache, daß wir alle so unsere ganz eigene, persönliche Vorstellung davon haben, wie wir uns "Liebe" und damit natürlich auch eine "Beziehung" und "Partnerschaft" vorstellen.
Die Probleme fangen allerdings schon dabei an, diese Vorstellungen auszudrücken. Würde man eine Umfrage machen bezüglich der wichtigsten Eigenschaften, die sich die Befragten im Zusammenhang mit "Liebe", "Beziehung" und "Partnerschaft" vorstellen, dann kommt das Wort "Treue" mit Sicherheit auf einen der obersten Plätze.
Warum ich hier ein Problem sehe? Nun, weil sich "Treue" von der "Liebe", "Beziehung" und "Partnerschaft" zu wünschen oder diese als vorgeschriebenes Merkmal vorrauszusetzen ist doch an sich schon falsch. Wenn es sich tatsächlich um "Liebe" handelt, dann dürfte doch der Wunsch oder das Verlangen nach "Umtreue" gar nicht vorhanden sein. Wenn es sich tatsächlich um "Liebe" handelt, dann dürfte es in gar keiner Situation zu einer "Gefahr" für die "Treue" kommen.
Warum wünschen wir uns also etwas, daß doch an sich in dem Zusammenhang von allein als gegeben entstehen sollte?
Ähnlich verhällt es sich mit dem ominösen Satz "Mein Partner soll für mich da sein!".
Was bedeutet dieser Satz oder diese Phrase eigentlich? Doch eigentlich nichts weiter wie, daß Sorgen, Probleme, Schwierigkeiten und ähnliches gemeinsam angegangen und gemeistert werden sollten.
Aber reden wir hier idealerweise nicht schon wieder von einer Selbstverständlichkeit? Ist es nicht so, daß wenn es sich um "Liebe", "Beziehung" und Partnerschaft" handelt, man einfach möchte, daß der "Partner" glücklich und zufrieden ist und dementsprechend, wenn es Probleme gibt, diese für und mit ihm lösen möchte, damit dieser wieder glücklich sein kann? (Ich rede hier jetzt nicht davon, daß manche Menschen eine etwas merkwürdige Art haben, Hilfe verbal anzubieten, sondern einzig und allein von den Gedanken die man hegt, wenn man merkt, daß der Partner Sorgen hat.)
Ist es nicht auch so, daß wenn sich die aktuellen Probleme nicht lösen lassen, man zumindest mit aller Kraft versuchen würde, dem Partner wieder Mut und Zuversicht zurückzugeben?
Damit schon wieder die Frage, warum wünschen wir uns also etwas, daß doch an sich in dem Zusammenhang von allein als gegeben entstehen sollte?
Man könnte auf diese Weise sicherlich noch einige weitere Wünsche diskutieren, bei denen es sich eigentlich ähnlich verhält. Ich möchte es an dieser Stelle einmal dabei belassen und die Aufmerksamkeit auf die doch immer stärker werdende Diskussion in der Öffentlichkeit über die hohe Anzahl an Alleinstehenden (Neudeutsch: "Singles") in der heutigen Zeit und Gesellschaft lenken.
Ich möchte aber neben der Frage, warum so viele Alleinstehende existieren, sprich keinen Partner finden, noch eine weitere Frage aufwerfen: Warum ist die Trennungsrate so hoch?
Nun, die Antwort darauf, warum sich die Paare aus der zweiten Frage trennen, ist relativ schnell beantwortet: Sie lieben sich nicht (mehr?)! Die Frage, die ich in diesem Zusammenhang viel interessanter finde ist, haben diese Paare sich jemals geliebt?
Ich habe hier keine statistischen Daten zur Hand, ehrlich gesagt weiß ich nicht einmal, ob solche Erhebungen überhaupt existieren, aber ich könnte wetten, daß die beiden Hauptgrüne bei Trennungen "Untreue" und "Wirtschaftliche Situation" sind. (Wenn auch verbal sicherlich in vielen Fällen anders "verkleidet").
Natürlich ist "Untreue" ein definitiv guter Grung für eine Trennung, aber wenn wir uns kurz auf die eingangs geführte Diskussion über die "Liebe" betreffende Wünsche besinnen, dann ist die Frage doch hier eigentlich mehr, warum konnte es überhaupt erst zu dieser "Untreue" kommen?
Noch interessanter in meinen Augen ist der Trennungsgrund "Wirtschaftliche Situation". Hier fallen dann Sätze wie "Den ganzen Tag geht es nur noch um Deine Arbeitslosigkeit/Arbeit/Firma.", "Wenn Du Geld nach Hause bringen würdest, dann könnten wir uns das leisten.", "Wenn Du nicht so viel Geld ausgeben würdest, dann könnten wir uns das leisten.", "Wenn Du mehr Zeit für mich hättest, dann ...", "Hör' endlich auf 'rumzujammern und tu' was." und weitere und ähnliche.
Entschuldigung, aber das hat alles überhaupt nichts mit "füreinander da sein zu tun". In einer "Partnerschaft" sind gemeinsame Kräfte vorhanden, gemeinsame Probleme und Sorgen und gemeinsame Wünsche. Diese gilt es einzusetzen, zu beheben und umzusetzen.
Der Betreffende soll sich doch, z.B. bei der Arbeitslosigkeit, freuen, wenn sein Partner sich rund um die Uhr mit dem Thema, also dem Problem, beschäftigt. Nur so kann eine schnellere Lösung herbei geführt werden (meistens); wenn es um Arbeit oder Firma geht, dann kann so schneller eine bessere Zukunft gestaltet werden. Beides kommt beiden Partnern zu Gute.
Völlig verblüfft bin ich auch bei dem Satz "Hör' auf zu jammern". Welche Form der Unterstützung ist das denn jetzt? Ob wohl der Betreffende in ähnlicher Situation mit entsprechender Unterstützung zufrieden und glücklich wäre?
Ja, ich gebe zu, daß manche Probleme, Schwierigkeiten und Sorgen so groß werden können, daß sie tatsächlich für einen sehr langen Zeitraum sehr intensiv sich auf eine "Beziehung" und "Partnerschaft" auswirken können. Ja, ich gebe auch zu, daß diese Themen einem dann manchmal wirklich den letzten Nerv rauben können. Aber wird das entsprechende Problem dadurch besser oder gar gelöst, daß man den Partner allein mit diesem Problem stehen lässt? Würde man sich selbst in der Situation nicht genau so Unterstützung erhoffen und sei es halt nur in Form von Trost, Mut machen und zureden?
Richtig verärgert bin allerdings über Sätze wie "Wenn Du mehr Zeit für mich hättest, ...", "Wenn Du mehr für mich da wärst, ..." und den Umstand, daß alle vorgenannten Sätze als Vorwurf formuliert sind.
Ist es nicht in den absolut meisten Fällen so, daß wenn ein solcher Satz als Vorwurf formuliert werden muß, diesen zu sagen eigentlich schon zu spät ist?
(M)ein (Lieblings-)beispiel:
Eine Frau und ein Mann sind verheiratet und leben zusammen. Ihre Lieblingsfarbe ist rot, seine ist grün. Weil sie ihn liebt und er grün als Farbe so toll findet, sagte sie ihm, daß sie grün auch toll findet. Fortan streichen sie immer alles in grün. Nach 20 Jahren lässt sie sich von ihm scheiden, weil sie "grün nicht mehr sehen kann".
Für den Mann bricht nun eine Welt zusammen, denn da sie gesagt hatte, daß sie grün so toll findet, hatte er alles für sie immer grün gestrichen.
Was lernen wir daraus (oder sollten es doch eigentlich schon viel mehr wissen)? In einer "Beziehung" und "Partnerschaft" müssen wir im Namen der "Liebe" miteinander reden, vor Allem aber müssen wir miteinander "ehrlich" sein.
Interressanterweise kommt das Wort Ehrlichkeit in der eingangs als Beispiel genannten fiktiven Umfrage auch auf den obersten Plätzen vor. Bei fast allen ist in Bezug auf Ehrlichkeit allerdings beispielsweise gemeint: "Wenn der Partner in die Kneipe geht, soll er nicht sagen, daß er länger arbeitet"; gemeint sein sollte aber: "Also ich find' grün ja nicht so toll".
Ein Beispiel aus meiner eigenen "Beziehung" und "Partnerschaft": Ich find' rote Haare bei Frauen absolut klasse. Meine Freundin hatte ihren ersten Friseurtermin seit wir zusammen waren und erzählte mir voll Begeisterung, daß sie sich nun die Haare endlich rot färben lassen würde und natürlich freute ich mich darüber absolut.
Als es fertig war, sah sie in meinen Augen absolut klasse und hübsch aus und ich überhäufte sie mit Komplimenten. Die nächsten Tage bemerkte ich jedoch, daß etwas nicht stimmte. Sie stand sehr oft vor dem Spiegel, sah traurig aus und insgesamt unglücklich und unzufrieden.
Ich frage sie, was los sei. Darauf hin sagte sie mir, daß sie das mit den roten Haare nur für mich gemacht hätte und es absolut schrecklich fände und sie sehe total häßlich aus. Ich habe sie dann erstmal getröstet und ihr gesagt, daß sie soetwas nie wieder machen solle. Natürlich würde sie mir mit den roten Haaren absolut gefallen, nur was solle ich denn mit ihr in der Stimmung anfangen?
Natürlich wird es in der "Liebe", "Beziehung" und "Partnerschaft" immer zu Kompromissen kommen müssen. (Streichen wir das jetzt hier rot oder grün?). Der Punkt ist jedoch, daß man einen vernünftigen Kompromiß nur dann erreichen und erzielen kann, wenn beide beteiligten Seiten auch wirklich ihre Wünsche, Gedanken und Sehnsüchte offen gelegt haben.
Das geht nur, wenn man miteinander redet, offen und vor Allem ehrlich.
Man könnte dabei nun natürlich die Sorge haben, daß wenn man dem Partner eröffnet, daß man "grün nicht toll findet" oder nicht auf die "roten Haare steht", dieser verletzt sein könnte. In der Tat kann das dabei je nachdem um welches Thema es geht passieren. Aber mal ehrlich, wäre dem Mann aus dem Beispiel es nicht mit Sicherheit absolut lieber gewesen, zu wissen, daß seine Frau seine Lieblingsfarbe nicht mag, als nach 20 Jahren die Scheidung dargereicht zu bekommen?
Der wichtigste Punkt bezüglich der Ehrlichkeit in einer "Beziehung" und "Partnerschaft" ist nicht das "Nicht Lügen", sondern das "Sich Selbst Öffnen" und das "Sich Nicht Verstellen".
Wenn es "Liebe" ist, dann verliebt man sich in das, was man kennengelernt hat. Hat derjenige sich also beim Kennenlernen verstellt, dann verliebt man sich dementsprechend in eine fiktive Person, aber nicht in denjenigen, der sich verstellt hat.
Nebenbei bemerkt bin ich der Ansicht, daß wenn eine solches Verstellen nachträglich offen gelegt wird und der Partner im Zuge des Verliebtseins verzeiht, heißt dies trotzdem und eigentlich definitiv nicht, daß hierbei "Liebe" im Spiel ist, denn der Partner hat sich nun mal in diese durch das Verstellen erzeugte fiktive Person verliebt.
Ich denke also jetzt, ich kann die Frage beantworten, warum die Trennungsrate so hoch ist. Anscheinend ist es uns nicht mehr möglich, wirklich offen und ehrlich in einer "Beziehung" und "Partnerschaft" miteinander zu reden. (Eigentlich bin ich sogar der Ansicht, daß miteinander reden an sich aktuell "nicht modern" ist.)
Warum wünschen wir uns Dinge, die eigentlich selbstverständlich sind?
Warum wünschen wir uns Dinge, die wir selbst nicht bereit sind zu geben?
Warum wollen wir für die Erfüllung unserer Wünsche und Sehnsüchte nichts tun?
Viel interessanter finde ich aber die Frage, warum versuchen wir in manchen unsere eigenen Wünsche oder gar Forderungen massivst durchzusetzen, wärend wir bei anderen
Viel interessanter finde ich aber die Frage, warum wir innerhalb einer "Beziehung" und "Partnerschaft" in manchen Punkten uns absolut verweigern uns unterzuordnen und vehement versuchen, die eigenen Interessen durchzusetzen, während wir auf der anderen Seite anscheinend nicht einmal in der Lage sind, uns dahingehend zu öffnen (und damit ja auch die eigenen Interessen zu präsentieren), daß ein offenes und ehrliches Gespräch möglich wird.
Zum Schluß wollte ich nochmal anmerken, daß ich wahrlich und absolut kein Moralappostel oder -prediger bin. Ich will mit dem Nachdenken über das Thema "Liebe" auch nicht irgendeine Wertediskussion oder ähnliches auslösen oder anstreben.
Ich frage mich nur einfach, warum wir Dinge, die in unseren Vorstellungen und Wünschen eigentlich Selbstverständlichkeiten darstellen nicht auch als solche behandeln um uns das ohnehin in der heutigen Zeit schon so komplizierte Leben nicht noch komplizierter zu machen.
Euer Sichthabender.